Das Dilemma mit der Selbstverwirklichung

von Christoph Liebens

Die Fallgrube auf der Suche nach unserem Selbst

Auf unserer Homepage ist ein Zitat von Søren Aabye Kierkegaard zu lesen. Allerdings lohnt es, sich mit dem Thema Selbstverwirklichung und Authentizität auch etwas genauer zu beschäftigen.
Falsch verstandenes authentisches Verhalten (nach dem Motto ...ich will so bleiben wie ich bin http://www.musik-fiedler.at/images/noten.1.gif- Du Darfst) ist sicherlich nicht zielführend.

Hier (gerne als Diskussionsgrundlage) ein Auszug aus einem Text von Nils Markwardt /Zeit online (link zum gesamten Text - klick auf die Überschrift):

Einmal Leben mit Happy End, bitte

Ratgeber rufen uns zu: Sei echt! Und mach Dein Ding! Wieso das moderne Gerede, sich selbst treu zu bleiben, nur ein Märchen sein kann.

Wollte man eine Parole finden, die alle unterschreiben und gegen die keiner etwas haben kann, wäre diese ganz vorne dabei: Mach dein Ding. Das heißt so viel wie: Geh deinen Weg, bleib dir treu, sei authentisch.

Zum diesen Thema gibt es nicht nur Regalmeter von Ratgebern, etwa Mach Dein Ding! – Der Weg zu Glück und Erfolg im Job (2010), Selbstvertrauen – Die Kunst, dein Ding zu machen (2014), Scheiß auf die anderen – Sich nicht verbiegen lassen und mehr vom Leben haben (2015), sondern derlei Kalenderweisheiten finden sich auch quer durch alle Musikrichtungen.

Vor ein paar Jahren röhrte Udo Lindenberg: "Ja du machst dein Ding / Egal was die andern sagen / Du gehst deinen Weg / Ob geradeaus, ob schräg / Das is doch egal / Du machst dein Ding / Egal, was die andern labern". Für Liebhaber des lobotomierten Party-Rap grölten Die Atzen: "Mach dein Ding / Und lass dich nicht verarschen / Mach dein Ding / Wir lassen uns nichts sagen". Und für Fans des schunkelnden Pop-Schlagers trällerten schließlich die Domstürmer: "Mach dein Ding, dingeling dingeling / und du bist mitten drin / Dingeling dingeling, / mitten drin im Leben / und dir geht's einfach gut."

Sein Ding zu machen, kein bloßer Menschendarsteller zu sein, klingt natürlich dufte. Nach jemandem, der trotz aller Widerstände seinen Traum verfolgt. Man denkt an einen ambitionierten Jungschriftsteller, der gegen alle wirtschaftlichen Wahrscheinlichkeiten an seinem Romanprojekt festhält; an eine frustrierte Finanzbeamtin, die zur Bergführerin umschult oder an ein verliebtes Pärchen, das in Darth-Vader-Kostümen heiratet. An Menschen, die an sich glauben. Menschen, die damit, bewusst oder unbewusst, auch dem Formatierungsdruck des Kapitalismus widerstehen, gegen kleinkarierte Konventionen angehen und sich nicht dem Imperativ eindimensionaler Selbstoptimierung unterwerfen.

Kurzum: Menschen, die biografischen Widerstand leisten.

Aber die Tatsache, dass die Rhetorik authentischer Selbstverwirklichung nicht nur Lebensratgeber und Schunkelhits füllt, sondern inzwischen auch die Buzzwords für Finanz- und Werbeindustrie liefert, darf Zweifel wecken, ob es mit dem Mach-dein-Ding-Diskurs nicht doch etwas anders liegt. Es gibt die Raiffeisenbank, die jeden Weg frei macht, für alle, die "etwas antreibt". Die Kosmetikfirma Lancôme lässt Julia Roberts rhetorisch fragen, ob es "in einer Welt voller Zwänge und Konventionen" nicht auch "einen anderen Weg" gäbe – viele Unternehmen haben längst die ökonomische Potenz von Selbstverwirklichungsversprechen entdeckt. Es ist heute vor allem das Kapital, das einem als Erstes unter die Arme greift, wenn man mal richtig sein Ding durchziehen will.

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