Selbstbild vs. Fremdbild - "Ein ewiges Missverständnis"

von Christoph Liebens

Wie nähere ich mich einem realistischen Selbstbild an, und warum überhaupt?

Selbstbild
Wir Menschen haben ein bestimmtes Bild von uns selbst und halten eine ganze Menge davon. Unser Bild von uns selbst (Selbstbild) haben wir im Laufe unseres Lebens weitestgehend aus dem Verhalten anderer Personen uns gegenüber geschlossen. Ebenso schätzen wir die Ergebnisse unseres eigenen Verhaltens ein, leider nicht immer richtig. Das Wirkungsprinzip der kognitiven Dissonanz-Reduktion und selbstwertdienliche Verzerrungen haben eine ebenso starke relativierende Wirkung wie andere Effekte, die der Erklärung, der Umdeutung oder sogar dem - von unserem Gehirn automatisch organisierten - Selbstbetrug dienen.

Fremdbild
Ebenfalls machen wir uns ein Bild von anderen Menschen (Fremdbild) und stellen Vermutungen darüber an, wie andere uns wohl sehen (Metabild). Ebenso haben andere ein ganz bestimmtes Bild von uns. Das ist nicht immer so wie wir unsdas denken oder wünschen. Selbst- und Fremdbild stimmen leider nicht immer überein (Selbst- und Fremdbild-Inkongruenz). Dies führt zu Fehlinterpretationen und Fehlverhalten - damit zu Störungen und Misserfolgen.

Vorteile
Je klarer das Selbstbild ist und je besser es mit den Fremdbildern übereinstimmt, desto besser ist es und desto besser kann der Unterschied zum Wunschbild gesehen - und daraus persönliche Entwicklungsschritte abgeleitet werden.

Der Weg zu unserem Selbstbild
Im Verlaufe unserer sozialen Interaktion erfahren wir, mehr oder weniger, was andere über uns denken, wie sie uns beurteilen und was sie von uns erwarten. Gleichzeitig teilen wir selbst anderen mit, welches Bild wir von ihnen haben. Damit beeinflussen wir erheblich ihr Selbstbild und damit ihr Leben.

Abhängigkeit und Selbstbildverzerrung
Unser Selbstbild hängt entscheidend von der Meinung unserer Bezugspersonen bzw. unserem sozialen Umfeld ab. Dabei vergessen wir oft, dass unsere Bezugspersonen sehr subjektive Meinungen haben. Ebenso vergessen wir, dass sowohl unangenehme und negative Meinungen, als auch positive Meinungen oft nicht oder nur sehr dezent oder befangen mitgeteilt werden.

 

Die meisten Dinge, die Menschen über uns denken, erfahren wir gar nicht. Auf der einen Seite ist das gut: Wir würden sonst verzweifeln oder uns laufend ärgern und / oder streiten. Auf der anderen Seite ist das aber zugleich schlecht: Es gibt nicht gerade wenige Menschen, die gar nicht wissen, wie sie in Wirklichkeit auf andere Menschen wirken. Viele ernten Misserfolge, ohne überhaupt zu wissen, dass sie über ein anderes Wissen über ihre Wirkung uns ihr Verhalten eigentlich viel erfolgreicher sein könnten. Viele machen sich sogar geradewegs lächerlich, ohne dass sie es selbst bewusst mitbekommen. Andere bleiben durch ein falsches Selbstbild weit unterhalb ihrer eigentlichen Potenziale.

Feedback & Problematik
Qualitativ hochwertiges Feedback entscheidet darüber, wie korrekt unser Selbstbild ist. Leider erhalten die wenigsten Menschen ein derart qualitat hochwertiges und möglichst objektives Feedback. Nicht zuletzt sind gesellschaftliche Normen und Konventionen mit dafür ausschlaggebend, dass wir nur selten ein ehrliches Feedback erhalten. Während unangenehme oder negative Meinungen wegen Hemmung, Schamgefühl, Freundschaft oder Gewöhnung unterdrückt werden oder nur verzerrt oder abgeschwächt mitgeteilt werden, werden positive Meinungen in unserer Gesellschaft oft aus Neid und Missgunst sowie aus Vorsicht, nicht als sogenannter "Schleimer" oder "Kriecher" gelten zu wollen, unterdrückt oder abgeschwächt.


Hinzu kommen persönliche und geschäftliche Absichten von Menschen und Organisationen. Viele Menschen vergessen dabei leider, dass das Feedback der vielen Menschen, die uns unbedingt etwas verkaufen wollen, stark geschönt und verfälscht ist. Die Ableitung derartiger verfälschter und geschönter Rückkopplungs-Informationen an uns selbst, sind zugleich der Grund für in unserer Gesellschaft wachsende, stark zunehmende Selbstbild-Verzerrungen, die in mancher Hinsicht manchmal geradewegs extrem und schrill wirken, obwohl der Betroffene selbst es leider gar nicht mitbekommt.

 

Er erntet lediglich die Ergebnisse - und selbst die sind wieder geschönt (Bspl.: "Aufgrund der vielzähligen guten Bewerbungen ist uns die Auswahl leider nicht leicht gefallen. Leider haben wir uns - unabhängig von Ihrer herausragenden Qualifikation für einen anderen Bewerber entschieden...").

 

Ein derartiges Feedback-Verhalten (und das ist angesichts der unzähligen Verkaufs-, Vertriebs-, Werbe- und Marketingprozesse, die uns überall umgeben, nur das geringfügigste Beispiel) führt ebenso wie das Erhaschen und Streben nach derartigem Feedback zu starken Selbstbildverzerrungen, zu schweren Selbstbild-Fremdbild-Inkongruenzen und - insbesondere bei labilen Menschen zu schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen, von denen Verkauf, Vertrieb, Werbung und Marketing dann erneut profitieren: Ein regelrechter Kreislauf, der aber dem Betroffenen selbst nicht dienlich ist.

Ein weiteres Problem liegt darin, dass sich unser soziales Umfeld, auch wenn wir selbst das zumeist natürlich anders wahrnehmen, aufgrund unserer Persönlichkeit und der entsprechend wirkenden Anziehungsgesetze im Allgemeinen recht einseitig gestaltet, während die Zielgruppe unserer Erfolgsabsichten (Entscheider) zumeist aber nicht in einem unmittelbaren sozialen Zusammenhang mit unserem unmittelbaren sozialen Umfeld (Familie, Freunde, Bekannte) steht.

 

Aufgrund ihrer Subjektivität, ihren Motiven und ihrer Vorprägung ist Feedback aus dem unmittelbaren Umfeld zumeist nicht relevant hilfreich. Diese sind weder objektiv noch zielgruppenspezifisch, noch ausreichend ehrlich.

 

Das führt dazu, dass wir uns in andere Personenkreise (die uns eher fern und fremd sind) nur wenig bis gar nicht hineindenken können. Dadurch verhalten wir uns diesen Menschen gegenüber falsch bzw. so wir wir das auch ansonsten (in unserem gewohnten Umfeld, in den Kreisen, in denen wir uns vorrangig bewegen) tuen würden oder wir es aus jenen Medien kennen, die uns zuträglich sind, weil wir sie danach aussuchen, dass sie ebenfalls unser Selbstbild bestätigen - und eben nicht in irgendeiner Art und Weise in Frage stellen.
 

Auswirkungen
Dies alles stellt ein regelrechtes Desaster für unser Selbstbild dar und behindert eine erfolgreiche Entwicklungstendenz, sofern nicht in regelmäßigen Abständen realistisches objektives Feedback von unterschiedlichen unabhängigen und möglichst professionell agierenden Außenstehenden eingeholt wird. Leider tun wir dies nicht, ungern oder viel zu selten. Dabei ist derartiges Feedback eigentlich doch so emens wichtig: Für die Erreichung unserer Ziele, für unseren persönlichen, beruflichen und geschäftlichen Erfolg und unser gesamtes Leben.

Analyse und Feedback

Der erste Schritt zum Erfolg ist also die Einholung von möglichst qualitativ hochwertigem Feedback ggf. auf der Grundlage von Testungen, einer Analyse oder über zielgruppenspezifische Befragungen. Auf dieser realistischen Basis basieren alle nachfolgenden Schritte, so sie denn erfolgreich werden sollen.

 

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